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Flüchtlinge | "Generationenprüfung" - Druckversion

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Flüchtlinge | "Generationenprüfung" - rjmaris - 21.04.2015 21:56

Herrn Bernhard Suttner hat seine Montagsgedanken diesmal genutzt, eine Art Parallele zu ziehen zwischen der Nazi-Zeit und unsere Zeit, aktuell bezogen auf die Flüchtlingsdramen im Mittelmeer.

Zitat:Mittlerweile wird mir mehr und mehr klar: Meine Generation hat anderen Grund, sich zu schämen. Wir arbeiten viel zu wenig gegen die heutigen Entsetzlichkeiten. Nennen wir das Grauen wenigstens beim Namen oder beschönigen und verdrängen wir? Das Sterben im Mittelmeer ist eine der Prüfungen meiner Generation.
Ob man das so sagen kann, das mit der Generationenprüfung? Immerhin kann man nüchtern feststellen, dass tatsächlich ein jeder, der auf dieser Erdkugel lebt, oder gelebt hat, mit Sachen zu tun, für die man sich kollektiv schämen müsse. Der Gedankenkonstrukt ist wie auch immer hilfreich, besser sensibilisiert zu werden, wie ich finde.

Auf die Flüchtlingsdramatik angewandt: Suttner legt die Finger auf die Wunde: das enorme Wohlstandsgefälle in der Welt (Stichwort: Ungleichheit, etwa so groß wir rund 1914).

--

In einer Rundmail von globalmarschallplan.org wurde heute auf einen Artikel der Heinrich-Böll-Stiftung aufmerksam gemacht. Zitat daraus:
Zitat:Der Großteil der Fluchtursachen liegt nicht in den Ländern des Südens, sondern in Europa: Wegen Überfischung und Landgrabbing sehen immer mehr Menschen im Senegal keine Perspektive mehr und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand.

Man muss sich betreffend der Mittelmeerkatastophe wohl auch darüber im Klaren sein, dass der europäische Grenzschutz
Zitat:immer weiter ausgebaut und damit der Landweg von Westafrika über Marokko und die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla erheblich erschwert worden. So entstanden alternative Migrationswege über das Mittelmeer.

Die hier genannte Problematik hat nicht direkt mit dem Wohlstandsgefälle zu tun, hat aber indirekt sehr wohl damit zu tun. Wir im Norden, die wohl nicht bereit sind, wirklich zu teilen. Suttner am Ende seines Beitrages:
Zitat:Und dieses Wohlstandsgefälle muss abgemildert werden. Wer nicht teilen will, muss sich mit dem Sterben abfinden. Und muss sich schämen.

Danke für diesen nachdenkenswerten Vorstoß, Herr Suttner.


RE: Flüchtlinge | "Generationenprüfung" - Eric Manneschmidt - 29.04.2015 15:13

Zitat:Wer nicht teilen will, muss sich mit dem Sterben abfinden. Und muss sich schämen.

Siehe http://bgerheinmain.blogsport.de/2015/04/27/eine-antwort-auf-internationale-migrationen/


RE: Flüchtlinge | "Generationenprüfung" - Jürgen Koll - 07.06.2015 17:10

Mir gefällt an Suttners Gedanken, dasser nicht mit vorschnellen Lösungen kommt, außer mit der wichtigen Aussage, dass das Wohlstandsgefälle gemildert werden muss. Dies ist sicher eine der Hauptursachen der Tragödie. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich die eher „Wohlhabenden“ leisten können, mit Hilfe der Schlepper zu fliehen. Die Schwächsten kommen nicht einmal dahin. Dennoch würde ich auch z.B. Misswirtschaft und Korruption in den betreffenden Ländern nie ganz ausblenden. Was das Wohlstandsgefälle betrifft, müssten sofort Schritte eingeleitet werden, allein man nimmt nichts wahr. Aber selbst wenn damit angefangen würde, würde eine Wirkung erst in Jahren zu spüren sein. Während dessen wächst und wächst die Bevölkerung in Afrika. Was also tun?
Bereits auf einem ÖDP-Parteitag brachte ein ehemaliges Vorstandsmitglied Mecklenburg-Vorpommern als Siedlungsgebiet für Flüchtlinge ins Spiel. Darauf ist mittlerweile auch Heribert Prantl gekommen. Ein anderes Vorstandsmitglied wollte auf demselben Parteitag Frontex abschaffen und die gesparten Gelder für die Integration einsetzen. Würde dies das Problem lösen?

Christian Ortner weist auf ein Problem hin:

Damit entsteht aber ein ganz offenkundiges und nicht wegzudefinierendes Dilemma. Wenn die Zuwanderung aus schwarzafrikanischen Armutszonen (wir reden hier nicht von syrischen Kriegsflüchtlingen) tatsächlich in signifikantem Ausmaß zunähme, geriete der ohnehin schon stark beanspruchte und finanziell angeschlagene Sozialstaat in den meisten Ländern Europas ganz rasch an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit und bald darüber hinaus.“

Dabei seien es meist diejenigen, denen der Sozialstaat nicht sozial genug sein könne, die offene Grenzen forderten.

Und so kommt auch Sascha Lehnartz in der Welt zu dem Schluss, dass „Hypermoral“ (wie er es nennt), den Flüchtlingen nicht helfe. Er weist auch darauf hin, dass man i.d.R. nicht thematisiere, was geöffnete Grenzen für die Gesellschaft bedeuteten. Er wird damit sicher nicht nur auf den Sozialstaat anspielen, sondern auch auf Integrationsprobleme und den Import neuer Konflikte.

Helmut Schmidt hat aus diesen Gründen 2005 in einem Interview gefordert, die weitere Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen zu unterbinden. Womit er aus meiner Sicht übertreibt. Aber die Politik sollte sich der Problematik nicht miteinander kompatibler Gesellschaftsmodelle bewusst sein und überlegen, wie man als Staat damit umgeht. Davon merke ich aber nichts. Und so gibt Helmut Schmidt auch den Politikern die Schuld an den Problemen.

Und Lehnartz geht in seinem oben verlinkten Beitrag noch einen Schritt weiter und bringt auch die Frage, welchen Anteil zwar gut meinende Vorschläge, die sich aber in der Realität als fatal erweisen, an unseren Problemen haben. Er verweist dabei auf Bernard-Henri Levy, der meinte, man müsse ein Blutbad in Bengasi verhindern. Der Militäreinsatz westlicher Kräfte hat dann ja nicht gerade zur Stabilisierung der Verhältnisse in Libyen beigetragen...

Ortner schreibt ind em oben verlinkten Artikel:

Akzeptiert man hingegen, dass Sozialstaat und offene Grenzen letztlich nicht miteinander vereinbar sind, ergeben sich daraus leider weitere unangenehme Fragen, um die sich vor allem die Anhänger stärkerer Migration von Afrika nach Europa bisher gedrückt haben. Denn dann muss gelten, dass Einwanderung nur kontrolliert, kontingentiert und in legalem Rahmen stattfinden kann. Nur: Wie viele nehmen wir dann tatsächlich mehr auf als jetzt: ein paar tausend, hunderttausend, eine Million, noch mehr? Und wo werden sie angesiedelt?“

Dies sind in der Tat unangenehme Fragen, aber sie müssen gestellt werden. Leider löst sich damit nicht Suttners Feststellung auf, denn...

Wer akzeptiert, dass Migrationnur einem (wohl eher kleinen) Teil der Migrationswilligen helfen kann, akzeptiert damit aber implizit, dass es deshalb auch weiterhin illegale Schlepper, untergehende Boote und ertrinkende Menschen geben wird. Im besten Fall weniger als jetzt, aber eben nicht gar keine.
Das ist eine sehr unbefriedigende Erkenntnis, aber es ist letzten Endes die bittere Konsequenz aus dem Faktum, dass offene Grenzen und Sozialstaat eben nicht miteinander vereinbar sein. Erwachsene Politik wird das auch aussprechen, anstatt vorzugaukeln, die Logik und die Wirklichkeit irgendwie austricksen zu können.“ (Ortner)

Wir werden so lange Grund zum Schämen haben, wie wir es akzeptieren, dass ein solch großes Wohlstandsgefälle auf der Welt besteht. Bei der Behandlung der Symptome, die mit einer Behandlung der Ursache einhergehen muss (!), müssen wir aber auch aufpassen, nicht neue Probleme zu schaffen.


RE: Flüchtlinge | "Generationenprüfung" - ArnoNRW - 07.06.2015 17:41

Ein guter Beitrag! Er zeigt vor allen Dingen, dass es (leider) keine einfachen Lösungen für viele Probleme in der Welt gibt. Ich stehe oft hilflos vor der Frage: Was ist in der Flüchtlingspolitik sinnvoll, was richtig? Um mal einen Aspekt zu nennen: Viele Flüchtlinge sind- wenn ich mir die Fernsehbeiträge ansehe junge Männer. Ist das für diese Menschen mittel- und langfristig eine Lösung, wenn diese auf viele Jahre perspektivlos in Flüchtlingsheimen rumhängen? Es gibt ja auch nicht mehr genügend einfach strukturierte Arbeitsplätze. Früher gab es diese Arbeitsplätze auch für Deutsche mit einer einfachen Schulbildung (z.B. in Fabriken). Aber: Erstens sind diese Arbeitsplätze rar geworden und zweitens müssen auch Leute in Fabriken heutzutage eine qualifizierte Ausbildung besitzen (elektronisch gesteuerte Maschinen).
Wer (siehe oben) jahrelang in einfachen Unterkünften abhängt, der kommt zwangsläufig auf "dumme Gedanken ". Wer mehr Flüchtlinge aufnehmen will, der muss auch weiter denken und Lösungen für diese Menschen finden, die nicht dazu führen, dass ein neues Proletariat ohne Hoffnung und ohne Perspektiven heranwächst.


RE: Flüchtlinge | "Generationenprüfung" - rjmaris - 12.06.2015 07:08

Auch von mir ein Dankeschön für den guten Beitrag, Jürgen!

Das Dilemma ist schön herausgearbeitet, und zeigt einmal mehr, dass die Lösung darin liegt, das Wohlstandsgefälle abzubauen. Und dazu können wir sehr viel tun! Es fehlt bloß der Wille, und daher rührt letztlich das Geschippere um das Wie, Was und Wo der Flüchtlinge.

Dazu kommt: wenn die Flüchtlinge keinen Grund mehr hätten, hierher zu fliehen, dann wären die weiterhin einfach in ihrer Heimatregion, und eben dort, wo die ihre Wurzeln haben. Vollständigkeitshalber: ich rede hier nicht von Kriegsflüchtlinge.

Von da her finde ich aktuelle Vorschläge, man möge das Arbeitsverbot bei Flüchtlingen sofort aufheben besonders widersprüchlich. Einerseits ist ein solches Verbot eigentlich lächerlich (siehe auch Arnos Beitrag "in Flüchtlingsheimen rumhängen"). Andererseits bin ich dagegen, wenn auf diese Weise Unternehmen billige Kräfte einsetzen können. Bei "Gutmenschen" stehe ich mit dieser "andererseits"-Ansicht auf verlorenem Posten, aber ich beharre darauf, dass solche Lösungen im Grunde genommen nur Symptombekämpfung sind, und dass Ursachenbekämpfung weit besser wäre. Womit wir wieder beim Wohlstandsgefälle sind.


RE: Flüchtlinge | "Generationenprüfung" - Jürgen Koll - 12.06.2015 19:54

In einem anderen Zusammenhang habe ich eine – ich denke mal es war eine – Geschichte gehört. In Indien wurden die Insassen eines Heims für geistig Behinderte einer Prüfung unterzogen, um festzustellen, ob sie das Heim verlassen könnten. Sie sollten einen Eimer, der unter einem Hahn mit fließendem Wasser stand, mit einem Löffel leeren. Wer nicht den Hahn abdrehte, um danach den Eimer zu leeren, durfte nicht gehen. Ich denke, die Geschichte passt auch hier, wenngleich in der Flüchtlingsfrage zwei Aktionen parallel laufen müssten: Man müsste sowohl damit beginnen, den Hahn zu schließen (Wohlstandsgefälle abbauen, das wird seine Zeit dauern), als auch Konzepte überlegen, wie man sinnvoll mit Flüchtlingen hier umgehen kann. Da sind mir vor allem zwei Aspekte wichtig: Man muss sie sinnvoll beschäftigen, eventuell auch ausbilden (z.B. in handwerklichen Berufen, sinnvoll, um bei der Rückkehr – die sollte bei Kriegsflüchtlingen in der Regel angestrebt werden – ein zerstörtes Land aufzubauen); ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass man aufpassen muss, die Konflikte aus den Herkunftsländern nicht nach Deutschland zu importieren (siehe z.B. die Kämpfe zwischen Yesiden und Islamisten oder Übergriffe auf Christen oder nicht muslimisch genug lebende Muslime in Flüchtlingsheimen). Hier muss deutlich gemacht werden: Wer in Deutschland Zuflucht vor Verfolgung sucht, darf seinerseits andere Menschen nicht verfolgen. Hier ist Deutlichkeit und Durchsetzungsvermögen des Staates gefragt. Siehe auch diese Diskussion.

Die Geschichte mit dem Arbeitsverbot sehe ich genauso, wie schon angemerkt. Viele haben hier keine Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen. Übrig bleiben dann möglicherweise oft nur ausbeuterische Arbeitsverhältnisse.


RE: Flüchtlinge | "Generationenprüfung" - Eric Manneschmidt - 15.06.2015 13:45

Ursachenbekämpfung?

Hier mal Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister der USA (unter Bill Clinton, 1993-97, http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_B._Reich )

'make polluters pay' (3 min.)
https://www.youtube.com/watch?v=Z9OCPqzbzBk


RE: Flüchtlinge | "Generationenprüfung" - rjmaris - 15.06.2015 21:47

Robert Reich, ja - ich bin mir sicher, dass er in einem meiner Bücher (ich meine bloß die, die ich besitze) positiv zitiert wird. Nur fällt mir nicht ein, in welchem Buch das war, trotz Sichtung der Fußnotenseiten...


RE: Flüchtlinge | "Generationenprüfung" - ArnoNRW - 28.06.2015 09:12

Zum Thema Flüchtlinge etwas, was die Problematik in den Kommunen zeigt:

http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/nachrichten/interview-christian-bernreiter-fluechtlinge-100.html

"entspricht nicht der veröffentlichten Meinung"


RE: Flüchtlinge | "Generationenprüfung" - Jürgen Koll - 16.07.2015 17:37

Zu Arnos Beitrag: Interessant ist auch der Unterschied zwischen nicht Bleibeberechtigten und tatsächlich dann abgeschobenen Asylbewerbern. Da ist Handlungsbedarf. Ansonsten wird es schwierig, denen zu helfen, denen dringend geholfen werden muss.

Hamed Abdel-Samad auf facebook zum aktuellen Aufschrei um Merkel:

"Das Video der Kanzlerin in Rostock zeigt dass man auf das Thema Asyl weder mit pro noch mit kontra so einfach antworten kann. Wer die Komplexität dieses Thema nicht begreift, kann weder politisch noch gesellschaftlich die passende Antwort darauf finden! Man kann aus seinem bequemen Sessel aus sagen: ich will keine Flüchtlinge in meiner Umgebung haben und Deutschland sollte eine hohe Mauer um sich bauen! Das zeugt nicht nur von Kälte, sondern auch von Realitätsverlust. Man kann auch die Bundesregierung auffordern, mehr Flüchtlinge aufzunehmen ohne die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Problemen, die damit verbunden sind zu beachten. Parolen kann jeder. Beide die sagen "Abschieben, Abschieben!" oder "Kein Mensch ist illegal" haben oft keine Konzepte, sondern nur eine emotionale Haltung zum Thema, die am Ende niemandem wirklich hilft! Gerade dieses wichtige Thema sollte entemotionalisiert werden, damit die Politik aber auch die Gesellschaft die passende Antwort darauf finden!"