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Ukraine und: Demokratie Typ "West" und Typ "Ost" - Druckversion

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Ukraine und: Demokratie Typ "West" und Typ "Ost" - rjmaris - 16.03.2014 18:19

Heute fand ich eine wunderbare Charakterisierung zum Verhältnis von Politik und - ich sage mal - Konzerne, im Westen wie im Osten. Hintergrund ist das Geschehen in der Ukraine, wo viele Oligarchen quasi das Sagen haben.

In Russland kommt mit politischer Macht auch wirtschaftlicher Macht. Im Westen ist es oft umgekehrt:
Zitat:In den USA musst du Freunde mit Milliarden haben, um Präsident zu werden.
In Russland must du Präsident werden, um deine Freunde zu ermöglichen, Milliarden zu verdienen.
Und:
Zitat:Im Westen sind Regierungen oft nur Gehilfen der Wirtschaft.
In Russland sind Konzerne Instrumente des Kremlin.
Der Artikel betont, dass es bei diesen Aussagen um Klarheit geht, nicht um Nuancen.

Grob gibt es zwei Modelle:
Zitat:Konzerne, die von einer undemokratischen Regierung beeinflusst werden, bzw. eine Abhängigkeit von demokratisch gewählten Regierungen von Konzernen.
Es wird dabei angemerkt, dass Bürger sich im westlichen Modell immerhin einmischen können. "Wie effizienter sie das machen, desto stärker die Demokratie ist".

Ich ergänze mit einigen weiteren lesenswerten Informationen aus dem Artikel ("Ukraine, It's the economy, stupid!"), der in einer niederländischen Zeitung zu lesen ist.

Kernpunkt des Artikels: der ausschlaggebene Triebfeder für eine Bevölkerung, irgendwo den Anschluss zu suchen, ist die Perspektive auf Wohlstandsverbesserung. Hier: der einzige Grund, Annäherung an die EU zu suchen. Aber die Oligarchen sind die eigentlichen Triebkräfte:
Zitat:Hier positioniert die Ukraine sich quasi zwischen Ost und West. Wer in Kiev an der Macht ist, entscheidet, wer das große Geld verdient. Das sieht nach Russland aus. Aber wer das Sagen hat, wird zum größten Teil von den Männern mit Geld bestimmt. Das Ergebnis dieser "Systemmischung" ist Chaos.

Der Autor, Polenkorrespondent der Zeitung, gibt Folgendes zu bedenken, wenn es dazu kommen soll, dass die EU und IMF Geld zur Verfügung stellen:
Zitat:Oligarchen verteilten vor etwa zwanzig Jahre die Reichtümer des Landes unter sich: Kohle, Stahl, Fabriken, Banken, die gewinnbringenden Verträge, und zuletzt auch die fruchtbare schwarze Erde. Oligarchen halfen Präsidenten an die Macht, und sie verhinderten eine totale Übernahme durch Russland, aus Angst davor, an die Leine gelegt zu werden, wie ihre russische Kollegen.

Oligarchen zogen den Stecker aus dem Janukowisch-Regiem, als die Präsidentenfamilie dabei war, ihre Interessen zu beschädigen. Dieselben Oligarchen sind immer noch da. Sie sind schwer damit beschäftigt, Ordnung wiederherzustellen. Ihre Ordnung. Dabei sind politische Parteien wie immer Geschäftsstellen deren geschäftlichen Imperien. Ein klein wenig Oligarch hat ein Team von mehreren "Volksvertretern" im Parlament.
Es drängt sich das Bild eines Kampfes zwischen den Interessen Moskaus und den Interessen der ukrainischen Wirtschaftseliten auf.

Dass die heutige Interimsregierung nicht die Neigung hat, mit der bisherigen Tradition der Vermischung von Politik und Wirtschaft Schluss zu machen, ist eigentlich eh klar (siehe Timoschenko). Weniger bekannt scheint mir Folgendes zu sein:
Zitat:Die Regierung ernannte jüngst russischsprachige Milliardäre auf strategische Positionen in Ost-Ukraine. Diese Männer mit Macht müssen die Gefahr abwenden, dass die Ostregionen sich trennen.



RE: Ukraine und: Demokratie Typ "West" und Typ "Ost" - Christian Stadelmann - 18.03.2014 17:25

Danke für diesen interessanten Einblick. Das klingt zumindest nach einer plausiblen Erklärung, um die Lage in der Ukraine zu verstehen.