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Inklusion - Arno Kohlert - 12.02.2014 07:18

Hallo zusammen. Hier ein Beitrag eines Mitglieds meines Kreisverbandes, den ich gerne weitergebe:

Wenn Inklusion  so einfach ist und als Problemlösung oder zumindest als Problemverbesserung dient, warum haben sich unsere (Groß)-Mütter und -Väter so viele Gedanken gemacht zur Förderung von ”Behinderten” in speziellen Systemen? Warum haben Menschen über Jahrzehnte erbittert dafür gekämpft, dass körperlich, seelisch, intellektuell eingeschränkte Menschen eine ihnen konforme und behindertengerechte Förderung in allen Alters- und Lebenssituationen erhalten?  War das alles “Mumpitz” - alles falsch? Warum hat man es damals nicht bei der ganz normalen Volksschule belassen und die “Dummen und Behinderten” einfach nach Hause geschickt, wenn sie nicht mehr mitkamen? Warum wurden Behindertenschulen und Berufsförderungswerke geschaffen, warum gibt es Integrationsfachdienste, das SGB V und das SGB IX, das SGB XII mit so wichtigen Paragraphen wie den §67 SGB XII und den teilweise unermüdlichen Einsatz von Landschaftsverbänden?

Oder sarkastisch ausgedrückt: Warum haben wir dann noch Schwerbehindertenparkplätze oder -Sitzplätze im ÖPNV? Warum gibt es noch MdE-Ausweise und für was?

oder aber auch: Wenn Inklusion so ein gesellschaftliches Top-Thema und gewünscht ist: Warum sperren wir alte, dahinsiechende, sterbende, leidende Menschen aus unserem normalen gesellschaftlichen Leben denn weiterhin in zunehmendem Maße aus? Warum leidet, stirbt man in möglichst ”sterilen, abgeschlossenen Anstalten und mit Instrumenten statt mit Begleitpersonen ausgestatteten Kliniken”? Oder hört hier das Thema “Inklusion” auf?


Ist das Thema “Inklusion” überhaupt irgendwie einzugrenzen auf irgendwelche (behinderten) gesellschaftlichen Gruppen oder müsste es viel weiter gefasst werden: z.B. für andere gesellschaftliche (Rand)Gruppen?

 

Die Sprache verrät aus meiner Sicht unsere mittlerweile zur “Orwell 1984”-Gesellschaft verkümmerten Staatsgemeinde:

 

Früher war “Aktion Sorgenkind” eine klare Ansage zur Beschäftigung, zum Beistand und zur Förderung  behinderter Menschen. Heute heißt es “Aktion Mensch”.  Offensichtlich war  ”man” irgendwann “peinlich berührt” vom Ausdruck “Sorgenkind” - so was zu sagen, “gehört sich nicht”. Es gibt doch keine Menschen, die einem “Sorgen” bereiten. Also wurde was Nichtssagendes (= “Inklusives”) draus gestrickt. Und das ist genau das, was ich mit “mainstream- Rumgeeiere” meine.

 

In der Realität ändert sich wenig an wirklicher Hilfe durch diese Pseudo-Aktionen. Vor Ort wird ein riesiger Wirbel - “von oben” initiiert veranlasst und Verwirrung und Überforderung gestiftet. Dann wird alles zu einem unerkenntlichen “Einheitsbrei” zusammengekocht - und (das ist dann der Gipfel des Ganzen) zum Schluss alles per “Controlling wissenschaftlich evaluiert” und phantasiereiche Schönfärberei-Statistiken draus gezimmert, die dann als Hochglanzbroschüren ungelesen in Regalschränken deutsche Amtsstuben füllen.
Das ist der eine Skandal.

 

Der andere Skandal ist das oben beschriebene “verdeckte Systemziel im vermeintlichen Mainstream-Gedanken”. Dieses System lässt sich nicht nur beim Thema “Inklusion” festmachen, sondern bei nahezu allen sozial-gesellschaftlichen Themen.

 

Gleichzeitig werden damit auf einen Streich alle bisherigen, jahre- oder jahrzehntelang gemachten Erfahrungen und Praktiken negiert und - oftmals - jede Menge Haushaltsmittel an falschen Stellen eingespart.



RE: Inklusion - rjmaris - 13.02.2014 21:31

Gutes, kraftvolles Stück. Da steckt schon Leidenschaft drin. Hab mit meiner Frau noch drüber geredet. Uns fällt nur ein: Political Correctness. Das ist der Hintergrund bei diesen Inklusionsgedanken. Man darf heute nicht mal von "behinderten Kindern" sprechen!

Es ist tatsächlich so: Früher haben Leute gekämpft für eine gute Unterbringung von behinderte Kinder. Vor einer Weile habe ich noch mit einer mir bekannten Professor (emeritiert) für Augenheilkunde gesprochen. Der hatte früher des öftern Eltern konkrete Empfehlungen gegeben als er Kinder mit Augenproblemen begleiten musste. Auch heute sieht er es als richtig an, welche damals für eine Sonderschule empfohlen zu haben.

Nebeninfo, den ich gerade mitbekommen habe: Lehrpersonal in Sonderschulen sollen wesentlich mehr verdienen als "normales" Lehrpersonal. Also der Staat dürfte unterm Strich sogar noch sparen.

Nachtrag: mir fiel ein, dass ich vor einiger Zeit auf den Seiten der ÖDP Baden-Württembergs ein Papier zum Thema fand:
http://oedp-bw.de/sites/oedp-bw.de/files/pdf/7__Inklusion.pdf


RE: Inklusion - Jürgen Koll - 14.02.2014 22:51

Von der Idee her ist Inklusion gut. Die Frage ist aber, ob sie großflächig durchgeführt werden kann. Zumindest stellt sich die Frage, ob dies mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln geschehen kann. Immerhin hat Rot-Grün sich nicht lumpen lassen, es musste gleich ein Rechtsanspruch sein. Was in einzelnen Schulen gut funktionieren kann, kann man nicht unbedingt auf das ganze Land übertragen. Die Gebäude sind teilweise nicht geeignet, die Lehrer nicht entsprechend geschult, die gesamten Rahmenbedingungen nicht darauf abgestimmt (Klassengrößen, zusätzliche Betreuer). Auch verhalten sich nicht alle Schüler wie in der Theorie vorgesehen. Falls, wie ich befürchte, die Sonderschulen über kurz oder lang geschlossen werden, dürfte die Betreuung, Bildung und Förderung so vieler Kinder mit besonderem Förderbedarf nicht mehr so gut sein. Wie so oft wird Gleichheit mit Gerechtigkeit verwechselt. Alle Menschen sind gleich viel wert aber nicht gleich. Schon die Leistungsheterogenität der Schüler in einer Gesamtschule stellt das Lehrpersonal vor große Herausforderungen (an denen sie nicht selten scheitern). Theorie und Praxis liegen auch hier mitunter weit auseinander. Und jetzt kommen noch zusätzliche Herausforderungen? Da werden sich viele freuen. Die Lehrerschaft meldet Bedenken an, z.B. hier in Krefeld. Aber wer nicht will, der muss, wie hier in Düsseldorf. So funktioniert die „Politik des Gehörtwerdens“. Ihr wollt nicht? Aha, aber ihr macht das jetzt, weil es gut ist! Basta! Und wer weiter aufmuckt, naja, mit dem werden wir auch noch fertig, wie hier in Aachen!

Wie heißt es so schön in derÖDP-Präsentation: „Gemeinsamer Unterricht bedeutet nicht:
Allemüssen zur gleichen Zeit am gleichen Gegenstand und miteinander lernen –alles andere ist Scheitern …“ Richtig, das funktioniert nicht, also muss wieder irgendwie differenziert werden. Die Anforderungen an den Unterricht, die dort skizziert werden, sind hoch – wer soll das leisten (dabei denke ich nicht nur an die Lehrer, sondern auch an die Schüler)? Und ob die Ergebnisse – abgesehen vielleicht von einzelnen Schulen – in der Breite so gut werden? Ich bezweifele es stark. Viele Schulen, gerade in NRW, haben mit einer Vielzahl von Problemen zu kämpfen. Gelegentliche Brandbriefe sind nur die Spitze des Eisberges. In diese Situation die Inklusion als Rechtsanspruch zu initiieren zeugt von großem Optimismus oder Realitätsverweigerung und ideologisch begründetem Wunschdenken, an das sich nun die Realität gefälligst anzupassen hat. Da die Realität nur sehr selektiv wahrgenommen wird und sich bei Qualitätsstandards ja auch noch einiges machen lässt, wird die Sache sicher zu einem großen Erfolg.

Hier gibt es viele Infos zur Inklusion (aus einer kritischen, aber wohl realistischen Perspektive)

http://www.tresselt.de/inklusion.htm


RE: Inklusion - rjmaris - 17.02.2014 21:52

Inzwischen steht auf Zeitonline ein sehr lesenswertes Interview mit einem Hamburger Schulrektor, der schon seit 20 Jahren gute Erfarhrungen mit Integration von behinderten und förderbedürftigen hat (es ist etwas anders wie die heutige Inklusion), dafür auch gute Lehrpläne und Strukturen entwickelt hat. Aber er sagt auch: wie es jetzt läuft, kann es scheitern.

Was mich befremdet hat:
Zitat:Es leuchtet mir auch nicht ein, dass die Gymnasien in Hamburg als einzige Schulform von der Verpflichtung zur Inklusion befreit sind. Schließlich ist es unter Pädagogen und Bildungswissenschaftlern völlig unstrittig, dass die Inklusionskraft einer Klasse mit den sozialen und kognitiven Kompetenzen der Schüler steigt.

Haben die Gymnasien woanders auch das exklusive Privileg, von der Inklusion befreit zu sein?

Hier ein kleiner Hammer:
Zitat:Als vor drei Jahren die Zahl der Inklusionsklassen schlagartig erhöht wurde und viele neue Kollegen zu uns kamen, hatten wir in relativ kurzer Zeit vier junge Lehrer mit Burn-out und sechs Teams, die auseinanderbrachen, weil sie der Belastung nicht mehr gewachsen waren. Und diese Probleme hatten wir trotz unserer guten Ausstattung.

Rektor Katzer ist übrigens für die sukzessive Abschaffung der Sonderschulen, aber nicht die, die geistige und körperlich behinderte Kinder aufnehmen. Es geht also eher um lernschwache Kinder:
Zitat:Die LSE-Schüler, die heute überwiegend an die Stadtteilschulen kommen, haben überhaupt keine Lobby. Diese Förderschwerpunkte haben oft soziale Ursachen und sind nicht selten Folge von Armutsproblemen. Die Eltern dieser Kinder sind nicht vernetzt.
Dieses Fazit wird gezogen, nachdem zuerst benannt wird, dass die integrative Schule vor 20 Jahren entstanden war auf Druck einer Elternlobby.

Zum Schluss:
Zitat:Wenn wir nicht endlich die Frage klären, was uns das Menschenrecht auf Inklusion wert ist, wird sie in der Fläche nicht erfolgreich sein; dann werden wir voraussichtlich nicht über einzelne Leuchtturmschulen hinauskommen, die zeigen, wie es gehen könnte.



RE: Inklusion - Michael M(ittelstädt) - 18.02.2014 08:49

Eine interessante Diskussion mit hohem Niveau, Danke!

Ich denke, dass Inklusion wie fast alle politischen Themen zwei Perspektiven hat:
a) die politische Perspektive
b) die wissenschaftlich oder aus praktischen Erfahrungen abgeleitete Sachperspektive.


Politiker machen im allgemeinen etwas aus ideologischen Gründen oder aus politischem Kalkül. Sachargumente und wissenschaftliche Erkenntnisse sind dabei Hilfmittel, die genutzt werden, wenn es nützt.Oder halt auch nicht.

Ich halte mich aus der konkreten Sachdiskussion über Erfahrungen und Vor- und Nachteile heraus, weil ich zu wenig Informationen habe.

Gefühlsmäßig und aus meiner Lebenserfahrung bin ich gegen hochintegrative Ansätze im Schulwesen, weil ich zutiefst der Ansicht bin, dass Menschen gleichwertig, aber nicht gleich fähig und gleich sind.


Ich denke, dass bei der Inklusion primär ideologische Motive treibend sind (generelle Umerziehung der Gesellschaft und Einebnung (Begräbnis) des für die zugehörige Wählerklientel problematischen Leistungs- und Leistungsträgergedankens). Wobei letzterer allerdings teilweise auch auch eine Ideologie ist. Letztlich geht es um die Grundfrage, welchem Zweck Schule dient und ob die immer wieder genannten sozialen Fähigkeiten, ist m.E. Erziehung, Hauptziel sind oder Bildung und Ausbildung

Hinzu kommt das politische Kalkül, weil damit trotz der zunehmenden Ähnlichkeit der größeren Parteien eine Wählergruppe zielgerichtet angesprochen werden kann.


RE: Inklusion - Jürgen Koll - 18.02.2014 17:38

(18.02.2014 08:49)Michael M(ittelstädt) schrieb:  Ich denke, dass bei der Inklusion primär ideologische Motive treibend sind (generelle Umerziehung der Gesellschaft und Einebnung (Begräbnis) des für die zugehörige Wählerklientel problematischen Leistungs- und Leistungsträgergedankens).

Dazu passt auch eine weitere geplante Bildungsplanreform von Grün-Rot in Baden-Württemberg.

Einschätzung eines Schuldirektors (eines Gymnasiums): "Durch die Bildungsplanreform besteht nach momentanem Stand die Gefahr, dass das Niveau des Gymnasiums auf das der Gemeinschaftsschulen heruntergeschraubt wird"


RE: Inklusion - Christian Stadelmann - 18.02.2014 20:39

(17.02.2014 21:52)rjmaris schrieb:  Haben die Gymnasien woanders auch das exklusive Privileg, von der Inklusion befreit zu sein?
In Bayern:
Das Gymnasium, das ich besucht habe, war vor ca. 10…15 Jahren eher die Ausnahme, hat Inklusion umgesetzt. Ca. 5-12 der 1000-1400 Schüler waren behindert. Wie gut das lief, kann ich nicht beurteilen, aber der Schulleiter war ziemlich Stolz darauf.
Vor einigen (ca. 5) Jahren Hat das bayerische Kultusministerium verkündet, es gäbe jetzt Inklusion auf bayerischen Schulen. Seitdem habe ich nichts mehr davon gehört.


RE: Inklusion - Jürgen Koll - 11.06.2014 18:49

Hier ist ein kritischer Artikel über Inklusion, indem die ideologische Prägung mancher Befürworter deutich wird:

Alle einschließen, wollen wir das?

Als Appetizer:

Ein frischer Mut weht durch die Debatte, das Bewusstsein, eine neue Zivilisationsstufe zu erklimmen: Die pädagogischen Vorkämpfer sprechen von der eschatologisch erwarteten Inklusion als einem „Grenzstein zum Übergang in eine neue Welt“ (Walther Dreher), nennen deren Prämissen „naturgegeben“ (Andrea Platte) und formulieren Glaubenssätze wie diesen: „Inklusion ist die ultimative Integration, sozusagen der Olymp der Entwicklung, danach kommt nichts mehr“ (Hans Wocken). Tatsächlich ist „Haltung“ zu einem Schlüsselbegriff der Inklusionsdebatte geworden – Kindeswohl hin oder her, wie Bernd Ahrbeck in seinem jüngst erschienenen Buch „Inklusion – eine Kritik“ nachweist (ein Augenöffner für die Abgründe der Inklusion!)


RE: Inklusion - rjmaris - 11.06.2014 20:01

Interessanter Beitrag! "Hier ist ein Menschenbild berührt, dass das Schlimmste befürchten lässt, weil es jeden positiven Begriff von Ungleichheit zum Verschwinden bringt."

Das ist auch so einem guten Satz, der sitzt. Schade, dass der Hinweis auf das kritische Buch von Bernd Ahrbeck im Originalartikel nicht verlinkt ist.
Ich habe mir das auf Amazon angesehen, und stelle fest, dass so einige interessante Titel drin stehen, z.B. "Kinder brauchen Erziehung: Die vergessene pädagogische Verantwortung". Aus einem kleinen Kreise von Erzieherinnen bekomme ich mit, dass in nur wenigen Jahren sehr viele Kinder in Schulen rumlaufen, die offenbar gar nicht erzogen werden. Aber das ist wieder ein anderes Thema...


RE: Inklusion - Jürgen Koll - 14.06.2014 15:12

Gott sei Dank bin ich nach 10 Jahren Mitgliedschaft in der GEW in den Philologenverband gewechselt. Hier ist ein kleiner Artikel von Heinz-Peter Meidinger, der sich mit dem "Inklusionsskandal" von Walldorf beschäftigt. Er stellt darin eine Vermutung auf, die gar nicht mal so weit hergeholt erscheint:

Vermutlich aber ist gerade dies das Ziel der Befürworter einer Totalinklusion: Das Gymnasium soll durch die Verpflichtung, jeden Schüler aufzunehmen (und gefälligst auch nicht wieder abzuweisen) zur Einheitsgesamtschule umgestaltet werden, nachdem man sich bei der ursprünglich beabsichtigten Abschaffung mehrmals eine blutige Nase geholt hat.
Neben der Umformung des Gymnasiums wollen die Anhänger der reinen Inklusionslehre natürlich auch alle Förderschulen abschaffen.

Hier der Link zu dem Artikel: http://www.profil-dphv.de/auf-ein-wort/